Bausteine von Beziehungen: Die 8 Beziehungsbedürfnisse

Es gibt grundlegende Bedürfnisse, die unsere Beziehungen prägen. Welche das sind, erfahrt ihr hier.

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«Beziehungsbedürfnisse sind (…) wesentliche Elemente, die die Lebensqualität verbessern und den Sinn für den eigenen Wert in Beziehung fördern. Sie sind Teil des urmenschlichen Wunsches nach Beziehung.» Dr. Richard G. Erskine (*1941, klinischer Psychologe, Transaktionsanalytiker und Entwickler der Integrativen Psychotherapie)

Beziehungen prägen unser Leben in vielfältiger Form, als Liebesbeziehungen, Freundschaften, familiäre und berufliche Beziehungen. Als soziale Wesen sind sie für uns gar überlebensnotwendig – zumindest aber können sie einfach ein Quell der Freude sein. Oder auch von Leid – und was wären Film und Literatur ohne jene „tragischen Liebesgeschichten“ und andere Beziehungs-Dramen? Beziehungen erscheinen uns oft kompliziert, und das sind sie eigentlich auch, denn in Begegnungen treffen immer mindestens zwei Personen mit ihren eigenen Geschichten, Wünschen, Kommunikationsmustern aufeinander, und sind aufgefordert, gemeinsam ein stimmiges Miteinander zu entwickeln – das ist anspruchsvoll. Vielleicht wird es etwas einfacher, wenn wir uns auf die Gemeinsamkeiten besinnen. Hierfür bietet das Konzept der Beiehungsbedürfnisse aus der Transaktionsanalyse hilfreiche Hinweise.

Aus seiner Arbeit als Psychotherapeut, Transaktionsanalytiker und Forscher hat Richard G. Erskine die These aufgestellt, dass es eine Reihe von grundlegenden Bedürfnissen gibt, die wir alle an und in Beziehungen haben – sowohl in privaten Interaktionen wie auch in einem therapeutischen oder beraterischen Setting. Ich werde zuerst die Beziehungsbedürfnisse vorstellen und dann zeigen, wieso es sich lohnt, sich damit auseinanderzusetzen.

Die 8 Beziehungsbedürfnisse

Auf der Basis seiner Studien hat Erskine folgende  Beziehungsbedürfnisse formuliert, die er für besonders wesentlich erachtet (Erskine 2008: 289-296). Auch wenn wir in der konkreten Situation spezifische Bedürfnisse haben und diese vielleicht anders benennen würden, sind diese 8 als allgemeine Kategorien und Reflexionshilfe gut geeignet:

  1. Sicherheit: sich in der Beziehung sicher und vor physischen und emotionalen Verletzungen geschützt fühlen, verletzbar und gleichzeitig verbunden sein. Wie können wir darauf in Resonanz gehen? Zum Beispiel durch respektvolle Interaktion und indem wir Beschämung und Abwertung unterlassen. Natürlich sollte die Begegnung auch frei sein von Gewalt, Übergriffen und sonstigen Gefahren.
  2. Wertschätzung: sich mit seinen «innerpsychischen Vorgängen», Gefühlen, Vorstellungen, Sinngebungen, Sichtweisen verstanden, ernstgenommen, bestätigt und bedeutsam fühlen. In Resonanz gehen können wir, indem wir auf das eingehen, was vom Gegenüber beschrieben wird, ernst nehmen, was das Gegenüber erzählt, darauf wertschätzend und bestätigend reagieren.
  3. Schutz und Akzeptanz: Schutz, Ermutigung und Orientierung erhalten, von einer «beständigen, verlässlichen und vertrauenswürdigen Person» angenommen sein und «geführt werden». In Resonanz gehen können wir, indem wir Raum bieten, um z.B. auch schwierige Gefühle auszudrücken und auszuhalten.
  4. Bestätigung persönlicher Erfahrungen: erfahren, dass eigene Erfahrungen von anderen nachvollzogen werden, dass andere das, was man erlebt / beschreibt, ebenfalls kennen. In Resonanz gehen können wir, indem wir das Erleben des Gegenübers würdigen, und durch Gegenseitigekeit, indem wir beispielsweise ähnliche Erfahrungen von uns selbst preisgeben.
  5. Selbst-Definition / Einzigartigkeit: Die persönliche Einzigartigkeit ausdrücken und erfahren, dass diese anerkannt und angenommen wird. In Resonanz gehen können wir, indem wir dem Gegenüber erlauben, sich und seine Identität frei auszudrücken und diese validieren, also würdigen, aber auch, indem wir auch bei Meinungsverschiedenheiten im Kontakt bleiben.
  6. Beim Gegenüber etwas bewirken / Einflussnahme: bei anderen etwas auslösen und bewirken können (z.B. Aufmerksamkeit, Veränderung, Reaktion). In Resonanz gehen können wir, indem wir uns vom Gegenüber und seinen Äusserungen berühren lassen, auch im beraterischen Setting, und dem Gegenüber ermöglichen, auf die Beziehungsgestaltung Einfluss zu nehmen.
  7. Initiative des Gegenübers / Aktiviert werden: erleben, dass andere die Initiative ergreifen, auf einen zukommen. In Resonanz gehen können wir, wenn wir Inaktivität des Gegenübers wahrnehmen und Kontakt initiieren.
  8. Liebe ausdrücken: anderen Liebe zeigen (z.B. durch Gesten der Dankbarkeit, etwas für den anderen tun, Zuneigung ausdrücken). In Resonanz gehen können wir, indem wir wahrnehmen und «es annehmen», wenn das Gegenüber Wertschätzung oder Sympathie ausdrückt, auch im beraterischen Setting.

Grundmerkmale und Bedeutung

Diese Beziehungsbedürfnisse sind nach Erskine grundlegend und universell: Wir alle haben sie, wenn wir Beziehungen eingehen und pflegen, und zwar in jedem Alter. Die Bedürfnisse können uns bewusst sein oder unbewusst, und sie können sich situativ unterscheiden – das heisst, wir haben nicht jederzeit in jeder Beziehung alle Bedürfnisse und Wünsche genau gleich ausgeprägt. In Beziehungen am Arbeitsplatz ist das Bedürfnis, „Liebe auszudrücken“ wahrscheinlich etwas weniger im Vordergrund als in einer persönlichen Freundschaft oder findet in einer anderen Form statt – aber auch in Arbeitskontext werde ich meinen Kolleginnen und Kollegen vermutlich gern meine Wertschätzung zeigen.

Erskine geht so weit zu sagen, dass die Beziehungsbedürfnisse die „eigentlichen Komponenten“ von Beziehung sind, das heisst Beziehungen überhaupt erst möglich und lohnend machen. Sie machen Beziehungen erfüllend und befriedigend – wenn wir und das Gegenüber ganz präsent sind, die Bedürfnisse wahrnehmen und auf diese reagieren.

Beziehungsbedürfnisse werden uns manchmal erst bewusst, wenn sie in einer Beziehung nicht erfüllt sind oder darauf keine Resonanz besteht. Das wird für uns dann spürbar z.B. in Form von Sehnsucht, Leere, Einsamkeit, Druck oder Unruhe. Erleben wir wiederholt, dass unsere Bedürfnisse in einer Beziehung nicht auf Resonanz stossen, kann sich dies z.B. durch Frustration, Ärger und Aggression äussern. In heftigeren und andauernden Situationen können sogar Gefühle von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit sowie negative Überzeugungen über uns selbst und andere entstehen, die dann weiteres Beziehungsverhalten prägen – etwa wenn wir glauben, dass „niemand für mich da ist“ (Erskine 2008: 289).

Es ist also unmittelbar einleuchtend, dass es sich lohnt, sich mit den eigenen Bedürfnissen an und in Beziehungen zu befassen. Nicht nur, um bestehende Beziehungen bewusster zu pflegen und vielleicht zu verbessern – sondern auch, weil es für unser eigenes Wohlbefinden, für unser Selbstbild und unsere Gesundheit unmittelbar bedeutsam ist, ob wir unsere Beziehungen als erfüllend erleben oder nicht.

Zum Mitnehmen

Und nun? Aus der Beschäftigung mit diesen Überlegungen können wir einige Impulse mitnehmen, um Beziehungen erfüllender zu gestalten.

Wir können uns allgemein oder in Bezug auf eine bestimmte Beziehung gezielt damit befassen, welche Bedürfnisse wir selbst haben, was wir uns von der Beziehung wünschen – und ob diese Bedürfnisse genügend Raum erhalten. Wir können uns auch gezielt damit befassen, wie wir in unseren Beziehungen oder einer bestimmten Beziehung mit den Bedürfnissen des Gegenübers umgehen. Diese Aspekte können wir zum Beispiel mit folgenden Fragen im Alltag reflektieren:

Wann und wie nehme ich meine eigenen Beziehungsbedürfnisse wahr, woran erkenne ich sie?

Wie bringe ich meine Bedürfnisse allgemein oder in einer bestimmten Beziehung gelingend zum Ausdruck?

Was wünsche ich mir vom Gegenüber, wie er/sie auf mein Bedürfnis reagiert? Habe ich diesen Wunsch meinem Gegenüber mitgeteilt?

Wo habe ich eines oder mehrere der Beziehungsbedürfnisse bei anderen erlebt oder beobachtet?

Wie bin ich damit umgegangen? Ist die Resonanz gelungen, woran ist das erkennbar?

An welchen Äusserungen, Verhaltensweisen erkenne ich ein Beziehungsbedürfnis bei meinem Gegenüber?

Viel Spass beim Beobachten und: auf erfüllende Beziehungen 🙂

 

Quellen:

Erskine, Richard G. (2008). Beziehungsbedürfnisse. ZTA 4/2008, 287-297.

Mehr über Erskine beim Institute for Integrative Psychotherapy

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