«Trotzdem Ja zum Leben sagen»: Viktor Frankl

Ein Mensch, der mich tief beeindruckt, ist Viktor Frankl. Warum das so ist, erfahrt ihr hier.

Bild von klimkin auf Pixabay
«Wir sind es, die zu antworten haben auf die Fragen, die uns das Leben stellt. Und diese Lebensfragen können wir nur beantworten, indem wir unser Dasein selbst verantworten.» Viktor Frankl (1905-1997, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien)

Es ist die Zeit um 1940 in Europa. Der Zweite Weltkrieg, das Dritte Reich, der Holocaust, deren Ausmasse Jahrzehnte der Aufarbeitung benötigen werden, um quantitativ und qualitativ ein vollständiges Bild zu erhalten. 60 Staaten waren in den Krieg involviert, der 6 Jahre dauerte, 110 Millionen Menschen waren an den Waffen[1] (Weltbevölkerung 1940: 2.3 Milliarden[2]). Geschätzt kamen 60 Millionen Menschen durch Kriegshandlungen ums Leben, 13 Millionen Menschen wurden im deutschen Regime systematisch ermordet [3].

Viktor Frankl ist 37 Jahre alt und arbeitet als Psychiater mit Fokus auf Depressionen und Suizid in Wien, als er 1942 ins Lagersystem der Nationalsozialisten interniert wird. Frankl hätte ausreisen können, bleibt aber, um seine Eltern nicht im Stich zu lassen. Er kommt zuerst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz und in Aussenlager von Dachau, wo er kurz nach seinem 40. Geburtstag von den Alliierten im April 1945 befreit wird. Frankls Eltern, sein Bruder und seine Frau sterben in den Lagern, eine Schwester konnte fliehen.

1946 veröffentlicht er sein Grundwerk zu der von ihm begründeten psychotherapeutischen Methode Logotherapie und Existenzanalyse, in der der Sinn im Zentrum steht (mehr dazu in einem späteren Beitrag). Er heiratet erneut und hat eine Tochter. 1949 promoviert er zusätzlich zu seiner medizinischen Dissertation in Philosophie, schreibt 40 Bücher, wird insgesamt 29facher Ehrendoktor und mit über 60 ausserdem Pilot. [4],[5],[6],[7]

Was mich an Frankl so tief beeindruckt, ist allerdings weniger sein eindrücklicher «akademischer Leistungsausweis», sondern seine Unbeirrbarkeit und Kraft angesichts der Konfrontation mit Leid und Schrecken, mehr noch: seine offensichtliche Entschlossenheit, dem Leid nicht aus dem Weg zu gehen, weder dem der anderen noch dem eigenen.

Bereits in jungen Jahren wandte er sich dem Leiden zu, engagierte sich für Suizidprävention bei Schülerinnen und Schülern, und betreute depressive Frauen, um später, als seine Berufsausübung eingeschränkt worden war, in einer Einrichtung für jüdische Patientinnen und Patienten diese mit seinen Gutachten vor Euthanasie zu retten. Statt die Möglichkeit zur Ausreise zu nutzen, entschied er sich, in Wien zu bleiben, und brachte sein Leben spätestens damit aktiv in Gefahr, während er parallel dazu seine Theorie und Methode weiterentwickelte. Er setzte seine Tätigkeit auch im Lager fort, organisierte psychologische Betreuung für seine Mit-Internierten und arbeitete weiter an seinem Grundwerk. Nach seiner Befreiung erst erfuhr er, dass seine Familie umgekommen war. Trotzdem setzte er sein Wirken fort. Und blieb in Wien, statt wie andere diesem desolaten Europa den Rücken zu kehren. [4],[5]

Ein Mensch also, der sich bereits in jungen Jahren dem Leid zuwandte, als Arzt darauf sowohl konkret wie auch akademisch antwortete, den Schrecken von Nationalsozialismus und Holocaust unmittelbar am eigenen Leib durchlebte – und währenddessen und im Anschluss daran sein Wirken, seine Werte und seine Überzeugungen fortführte und aufrechterhielt, beharrlich, mit ganzer Schaffenskraft und in einem unbedingten Glauben an die heilsame Kraft der Sinnorientierung – und eben: «Ja zum Leben» sagte, immer wieder, für sich selbst und für andere.

Was für ein ermutigendes Leben, das am Grauen nicht zerbrochen ist, sondern die «Fragen, die das Leben stellte», mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit beantwortet hat! Danke!

Im Gedenken an den 76. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945.

Frankl erleben:

  • Erfahrungsbericht zum Holocaust: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Drei Vorträge. Deuticke, Wien: 1946. (Aktuelle Ausgabe: Über den Sinn des Lebens. Beltz, München: 2019.)

Quellen:

[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Weltkrieg

[2]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1066248/umfrage/geschaetzte-entwicklung-der-weltbevoelkerung/

[3]https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges

[4]https://www.viktorfrankl.org/biographie.html

[5]https://www.franklzentrum.org/zentrum/viktor-frankl-leben-und-lehre.html

[6]https://logotherapie.de/viktor-e-frankl.html

[7]https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

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